Es ist eigentlich jedem bekannt, dass die körperliche Leistungsfähigkeit bei jedem mal ein Ende hat. Nun habe ich schon bei mehreren Kollegen, egal, ob selbständig oder nicht, erlebt, dass sich ein Zusammenbruch anbahnte und bei allen auch zum selben führte. Da ich auch schon einmal durch Beobachtung von betroffenen Personen und auch aus eigener Erfahrung kenne, wie sich die ersten Anzeichen entwickeln, mehr oder weniger stark ausprägen und zum Negativ-Erfolg führen oder man gerade noch, wie in meinem Fall, die Kurve kriegt und anfängt, ernsthaft über gewisse Änderungen des eigenen Lebensstils nachzudenken. Damals bin ich bis zu 60 Stunden malochen gegangen – die Büroarbeit nicht mitgerechnet. Man hat kaum noch Zeit zur Regeneration, Folgen (um nur einige zu nennen):
- permanente Müdigkeit und Abgeschlagenheit
- man wird launisch – und da man auf Arbeit professionell arbeitet, kriegts die Familie ab — GEHT GAR NICHT!
- die Qualität der Arbeit nimmt zwangsläufig ab, weil komplexe Gedanken kaum mehr möglich sind
- die Qualität der Arbeit nimmt ab, weil die empathische Komponente aufgrund eigener Unzulänglichkeit abnimmt
- undundund..
Und das schadet nicht nur dem Körper selbst, sondern auch dem Ruf der Praxis bzw. des Therapeuten, weil er auf lange Sicht immer mehr Fehler macht oder wichtige Befunde nicht erkennt usw. Ich habe keine Lust auf solche Dinge und ich möchte auch nicht, das soetwas mit Leuten passiert, mit denen ich zusammen arbeite. Leider ist es nun wieder passiert. Seit nicht erst ein paar Monaten behalte ich eben wieder eine Kollegin im Auge, die sich meiner Meinung nach völlig und bis zur Selbstaufgabe aufopfert. Von früh um 7 bis manchmal nach 20 Uhr steht sie in der Praxis an Patienten, in Kursen und düst von einem Hausbesuch zum nächsten. Oft genug verzichtet sie auf ihre Mittagspause und schiebt sich während der Fahrt zu/von einem Hausbesuch oder schnell mal zwischendrin im Eiltempo etwas zu Essen zwischen die Kiemen und macht weiter. So geht es nicht! Unzählige Male habe ich ihr schon versucht klar zu machen, dass sie das nicht ewig durchhält.. Ja, weiß sie ja usw., ich hab ja recht, und bald wirds besser. Dann steht wieder ein Patient in der Praxis, der doch recht schnell einen Termin braucht (auch weils ihm grad so passt, es hat nichts mit akuten Zuständen zu tun – die stehen auf einem ganz anderen Blatt), und damit die Leute nicht reden, hängen wir ihn noch vorn oder hinten ran. Also ich nicht! Meine Zeiten sind vorgegeben, in denen etwas eingeschrieben werden darf – alles andere regele ich, und bin ab 19 Uhr nur noch in den seltensten Fällen aktiv – wie gesagt, Notfälle sind möglich. Hausbesuche mache ich prinzipiell nicht mehr, außer für Patienten, die bei mir schon in der Praxis waren. Irgendwo muß man ansetzen, das geht nicht anders. Wir machen gern alles für unsere Patienten, aber auch wir haben nur 2 Hände und können auch nur bis zu einem gewissen Punkt arbeiten. Und ich meine, daß 12 Praxisstunden am Tag eigentlich schon viel zu viele sind. Die sind in meinem Fall auch wirklich nur an 2 Tagen in der Woche, an den anderen komme ich höchstens auf 9. Bzw. sorge ich dafür, dass es so ist. Wenn ich wie heut vormittag angerufen werde und mir mitgeteilt wird, dass eben meine Kollegin im Krankenhaus liegt, weil sie bei der Arbeit umgefallen ist (und da muss mir niemand erzählen, dass das einfach mal so ist), gehen bei mir sofort die Alarmglocken an. Aber ich werde mich hüten, ihr nachher zu sagen: Siehste! Ich habs gesagt! – Das bringt sie nicht weiter. Ich werde sie einfach fragen, ob der Schreck groß genug war und ob sie sich ein paar Gedanken gemacht hat. Pfeif aufs Gerede der Leute – die werden IMMER was zu reden habe – also diejenigen, die irgendwie immer was zu sagen haben: Wenn wir viel arbeiten, kriegen wir nicht genug, wenn wir keine Zeit haben oder mal nur 10 Stunden arbeiten, haben wir es nicht nötig undundund.. Ich habe mich immer einen Dreck um das Gerede geschert und ich habe nicht vor, jetzt damit anzufangen. Meine Gesundheit und meine Umstände gehen außer mir niemanden etwas an. Ich kümmere mich um meine/unsere Patienten nach bestem Wissen und Gewissen – und irgendwann nehme ich einfach keine neuen Patienten mehr an. Zur Zeit scheint eine Art Völkerwanderung in die Praxen zu geschehen, die mir ein Rätsel ist, aber ich werde mich nicht beklagen – aber irgendwann, wenn ich das Gefühl habe, für meine Stammpatienten, die immer zu mir kommen, keine Zeit mehr zu haben, muss ich einfach die Notbremse ziehen – für sie und für mich. Mit welcher Arroganz ich auf diese Gedanken komme? Es gibt immer Stosszeiten, in denen ich darüber nachdenke – und wenn ich mich darüber ärgere, dass die Terminerei bei den Ärzten mit einem Vierteljahr Wartezeit nicht fassbar ist für mich. Mittlerweile habe ich mir die Patienten so gut erzogen, dass sie nicht mehr erst für sich sorgen, wenn sie gar nicht mehr können, sondern auf frühere Zeichen achten und mit der Hilfe interessierter Ärzte schon vor Kompletteinbruch handeln können. Manche Patienten sehe ich ein halbes oder 1 Jahr gar nicht mehr, weil sie mit den Behandlungen und Alltagshinweisen recht gut zurechtkommen. Es kam schon vor, dass mich ein Patient nach 3 Monaten Abstinenz ernsthaft fragte, ob der Suchtfaktor in der Physiotherapie sei oder meine Person solche Anzeichen auslöse. Nur hätte er soetwas bei früheren Behandlungsserien nie empfunden. Ich schlug ihm die Gründung einer Selbsthilfegruppe vor zur Besprechung und Vergleich solcher Anzeichen mit anderen Betroffenen und habe diese auch Patienten empfohlen, die ähnliche Gefühle äußerten. Anmeldungen hätten wir mittlerweile genug – auf jeden Fall ist dieser Insider bei uns immer ein großer Lacher.
Die Dankbarkeit, die einem von zufriedenen Patienten entgegengebracht wird, macht einen schon des öfteren sprachlos.. Diese muß oft nicht einmal ausgesprochen werden, man spürt sie, sieht sie in ihren Augen und sieht es daran, dass wieder Empfehlungen auftauchen oder eben die Patienten immer wieder mit strahlenden Augen wiederkommen, wenn sie wieder eine Überweisung vom Arzt in ihren Händen haltend in der Praxis stehen oder anrufen………. Und genau dafür müssen wir leistungsfähig bleiben – für uns und sie..